Lulu! Ausgabe 2 Eine Einladung zum Spiel

Reportage

Eine Einladung zum Spiel

Warum Männer an einem gewöhnlichen Montagabend plötzlich behelmt erscheinen – und warum sie wiederkommen

15. Mai 2026 · 6 Min. Lesezeit

Manchmal beginnt etwas Besonderes an einem ganz gewöhnlichen Montag. Eine Reportage über einen Abend in Eisenach — und über die Tür, hinter der mehr wartet, als man vermutet.

An einem Montagabend in Eisenach fällt zunächst nichts Besonderes auf. Menschen kommen von der Arbeit, erledigen Einkäufe, fahren nach Hause oder lassen den Tag langsam ausklingen. Die Straßen sind nicht voller als sonst, die Welt dreht sich in ihrem gewohnten Rhythmus weiter. Und doch geschieht an diesem Abend etwas Merkwürdiges: Einige Männer machen sich auf den Weg in eine Burg.

Nicht in eine echte Ritterburg mit Zugbrücke und Wehrgang, sondern in einen Ort, an dem eine Idee lebendig geblieben ist, die älter ist als viele moderne Freizeitangebote. Eine Idee, die seit 1859 Menschen zusammenbringt und bis heute erstaunlich wenig von ihrer Anziehungskraft verloren hat.

Wer zum ersten Mal davon hört, reagiert meist ähnlich. Die einen werden neugierig, die anderen runzeln die Stirn. Manche vermuten einen Mittelalterverein, andere denken an einen Geheimbund oder an einen Stammtisch. Fast niemand ahnt, was ihn tatsächlich erwartet.

Denn Schlaraffia® lässt sich nur schwer in eine Schublade stecken. Auf den ersten Blick wirkt vieles ungewöhnlich. Es gibt eigene Begriffe, fantasievolle Namen und Menschen, die sich bewusst Zeit nehmen, gemeinsam zu spielen, zu lachen, Gedichte vorzutragen, Geschichten zu erzählen oder einfach einen Abend miteinander zu verbringen. In einer Welt, die immer schneller wird, wirkt das beinahe aus der Zeit gefallen. Vielleicht liegt gerade darin ihr Reiz.

Die meisten Gäste betreten eine Burg — so nennen Schlaraffen ihren Veranstaltungsort — mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis. Niemand weiß so recht, was auf ihn zukommt. Wird es ernst werden? Förmlich? Kompliziert? Muss man irgendetwas können? Wird man sich fehl am Platz fühlen? Doch schon nach wenigen Minuten beginnt sich diese Unsicherheit zu verändern.

Man begegnet Männern, die offensichtlich Freude daran haben, gemeinsam Zeit zu verbringen. Sie hören einander zu, lachen miteinander und nehmen sich selbst nicht allzu wichtig. Entscheidend ist hier nicht, welchen Titel jemand im Alltag trägt, sondern wie er anderen begegnet: mit Respekt, mit Aufmerksamkeit und mit einer guten Portion Humor. Niemand versucht zu beeindrucken. Niemand muss etwas darstellen. Niemand wird geprüft oder bewertet.

Stattdessen entsteht eine Atmosphäre, in der man einfach dabei sein darf. Viele Gäste kommen nicht wegen eines Programms wieder und auch nicht wegen einer Verpflichtung. Sie kommen wegen eines Gefühls: für einige Stunden aus dem üblichen Alltag auszusteigen. Termine, Verpflichtungen und Sorgen bleiben draußen vor der Tür. Drinnen zählt für einen Abend etwas anderes: Zeit füreinander.

Was genau an einem solchen Abend geschieht, lässt sich schwer erklären. Wahrscheinlich hat jeder Schlaraffe darauf seine eigene Antwort. Die einen sprechen von Freundschaft, andere von Gemeinschaft, wieder andere von einer kleinen Auszeit in einer zunehmend hektischen Welt.

Das Geheimnis der Schlaraffia liegt nicht darin, dass sie unverständlich wäre. Es liegt darin, dass man sie erleben muss.

Wer wissen möchte, was an einem solchen Abend tatsächlich geschieht, muss nur wenige Minuten warten.