Lulu! Ein Abend ohne Bildschirm

Analog leben

Ein Abend ohne Bildschirm

Eine kleine Anleitung für Menschen, die sich daran kaum mehr erinnern können

18. Mai 2026 · 6 Min. Lesezeit

Drei, vier Stunden ohne Display. Eine kleine Reise zurück in einen Abend, wie ihn jeder kannte — und wie ihn fast keiner mehr lebt.

Es war einmal ein Abend, der lang sein durfte. Er begann zwischen sieben und acht, je nach Stand der Sonne, und endete irgendwann zwischen elf und Mitternacht. In diesen Stunden geschah etwas, das man im Rückblick beinahe nicht mehr glauben kann: nichts Aufregendes. Genau das war seine Stärke.

Heute beginnt ein Abend selten so. Er beginnt mit einem Bildschirm, läuft mit zwei oder drei Bildschirmen weiter und endet mit einem Bildschirm. Das ist nicht schlimm. Es ist nur eine Frage der Frage, wie er sich anfühlt. Wer einen Abend ohne Bildschirm probiert, der stellt schnell fest, dass er sich anders anfühlt. Es ist nicht so, dass er besser wäre. Er ist anders. Und manchmal ist das, was wir am meisten brauchen, ein anderes Anders.

Die Stunde vor dem Abend

Ein Abend ohne Bildschirm beginnt nicht am Tisch. Er beginnt eine Stunde vorher mit einer kleinen Entscheidung. Zwei Bewegungen reichen: das Telefon wandert in eine Schale, der Fernseher bleibt aus. Diese Bewegungen müssen vor der Müdigkeit passieren. Wer wartet, bis er müde ist, gewinnt sie nicht mehr.

Es lohnt sich, das vorher zu sagen. „Heute Abend ohne Bildschirm" — auf einem Zettel oder in einer kurzen Nachricht. Wer mit jemandem zusammenlebt, fragt nicht. Er kündigt freundlich an. „Hast du Lust?" — dieser Satz reicht. Wenn der andere ja sagt, wird der Abend zu zweit. Wenn der andere nein sagt, wird er allein. Beides ist in Ordnung.

Die erste halbe Stunde

Die erste halbe Stunde ist die anstrengende. Das Telefon ist nicht da. Der Reflex der Hand findet ins Leere. Auf einmal merkt man, wie oft man am Tag eigentlich auf das Display schaut. Es sind viel mehr als hundert Male. Und in den ersten Minuten möchte das Gehirn das alles nachholen.

Man darf in dieser halben Stunde unbeholfen sein. Man darf herumlaufen. Man darf ein Glas Wasser trinken, das man eigentlich nicht braucht. Man darf in der Küche eine Schublade aufmachen und feststellen, dass sich darin Dinge angesammelt haben, von denen man nicht wusste, dass sie dort wohnen. Diese Beobachtungen sind das erste, was ein Abend ohne Bildschirm einem zurückgibt.

Was ein Tisch alles kann

Wer einen Tisch hat, der hat die wichtigste Einrichtung für diesen Abend. Auf den Tisch gehört nichts Großes. Eine Karaffe Wasser, ein Glas Wein, ein Brett mit Käse oder Brot, eine Schale Nüsse. Vielleicht ein Buch. Vielleicht ein Notizheft. Eine Kerze, wenn vorhanden. Mehr nicht.

Wer alleine isst, isst langsamer als sonst. Das ist eine kleine, aber spürbare Verschiebung. Wer zu zweit isst, redet anders als beim üblichen Abendessen mit Telefon. Die Sätze werden länger. Die Antworten kommen mit einer Pause. Diese Pausen sind keine Lücken — sie sind das, was einem Gespräch erst Form gibt.

Was man tun kann, wenn man nichts zu tun hat

Es gibt fünf alte Beschäftigungen, die niemals aus der Mode kommen. Sie sind alle bildschirmfrei, alle billig, alle leicht zu beginnen.

Lesen. Ein Buch aus Papier liegt anders in der Hand als ein Telefon. Man wird langsamer beim Lesen, weil das Papier keine Benachrichtigungen kennt. Wer wenig liest, fängt mit zwanzig Seiten an. Mehr braucht es nicht.

Schreiben. Ein Notizheft, ein Stift. Was kommt heute Abend in den Kopf, was vorher nicht durfte? Man muss nichts Großes schreiben. Eine halbe Seite Stichworte über den Tag. Drei Sätze über die Person, mit der man zusammensitzt. Ein Brief, der seit Monaten fällig ist.

Spielen. Karten, Würfel, ein altes Brettspiel. Wer noch Kinder im Haus hat, der hat eine Schublade voll davon. Wer keine mehr hat, der findet das Spiel von früher wieder. Sechsundsechzig. Dame. Mensch ärgere dich nicht. Es ist nicht peinlich. Es ist wieder schön.

Hören. Eine Schallplatte oder eine CD, ohne Streaming, ohne Empfehlungsalgorithmus. Eine Seite reicht. Bei einer Seite passieren Dinge, die bei Endlos-Playlists nicht passieren: man hört zu Ende.

Reden. Wenn man zu zweit ist: ein Gespräch, das nicht das aktuelle Tagesgeschäft betrifft. Eine alte Erinnerung. Eine Frage, die man sich lange nicht gestellt hat. „Was hat dir in der letzten Woche gefallen?" — dieser eine Satz öffnet oft ein langes, unerwartetes Gespräch.

Die Stunde, in der man fast aufgibt

Es gibt im Abend ohne Bildschirm einen Moment, der dazwischen liegt. Meist zwischen halb neun und neun. Da ist die erste Aufgeregtheit weg, der Wein ist halb leer, das Gespräch hat eine kleine Pause. In diesem Moment greift die Hand wieder Richtung Hosentasche.

Wer in diesem Moment durchhält, gewinnt den ganzen Abend. Das ist die einzige Schwelle. Danach kommt eine Ruhe, die für viele Leute eine alte Bekannte ist, die sie lange nicht gesehen haben. Sie ist nicht spektakulär. Sie ist nur freundlich. Wer sie kennenlernt, möchte sie wiederhaben.

Wenn nichts mehr läuft

Es kann sein, dass nach zwei oder drei Stunden eine Müdigkeit kommt, mit der man nicht gerechnet hat. Eine ruhige Müdigkeit. Keine Erschöpfung. Sie sagt: jetzt wäre Schlaf gut.

Das ist eine wichtige Erfahrung. Denn die meisten Abende mit Bildschirm enden nicht mit Müdigkeit. Sie enden mit der Erkenntnis, dass es schon spät ist. Das ist ein Unterschied. Müdigkeit ist eine Antwort des Körpers. „Es ist schon spät" ist eine Erkenntnis des Verstandes. Die erste führt in einen guten Schlaf. Die zweite führt in einen Schlaf, der reibt.

Was am nächsten Morgen anders ist

Wer einen Abend ohne Bildschirm gehabt hat, der wacht selten erschöpfter auf als nach einem Abend mit Bildschirm. Meistens das Gegenteil. Die Schultern liegen tiefer. Der Kopf ist klarer. Es gibt eine erstaunliche kleine Empfindung beim Aufstehen: man hat die Nacht gehabt.

Niemand muss daraus eine Regel machen. Es lohnt sich nicht, einen Abend in der Woche zur „Bildschirm-Pause" zu erklären. Das klingt nach Verzicht. Es ist kein Verzicht. Es ist ein Geschenk, das man sich selbst macht.

Ein Abend, wie er einmal selbstverständlich war. Ein Abend, der wieder lang sein darf, ohne langweilig zu sein. Ein Abend mit Tisch, Stimme, Stille und Schlaf.

Mehr Luxus gibt es kaum.


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